“In Christus”

In den Paulusbriefen begegnet man häufig einer kurzen Floskel, die gerne auch nachgestellt am Ende eines Satzes steht. Und weil man diese Floskel schon so oft gehört hat, liest man gerne darüber hinweg, ohne sich Gedanken zu machen, was eigentlich gemeint ist: “in Christus”.Zum Beispiel Römer 3,24:

Sie verdanken es also allein seiner Gnade,
wenn sie von Gott als gerecht angenommen werden.
Er schenkt es ihnen aufgrund der Erlösung in Christus Jesus.

Gerne wird hier übersetzt: “aufgrund der Erlösung durch Christus Jesus”. Die Erlösung geschieht hier also eigentlich durch Christus. Nur, wenn Paulus das hätte sagen wollen, dann hätte er das auch so ausgedrückt. Ähnliche Aussagen (“durch Christus”) finden sich durchaus in seinen Briefen. Also muss etwas anderes gemeint sein.

Ein zweites Beispiel weist schon in die richtige Richtung: Römer 8,1:

Es gibt also kein Strafgericht mehr
für diejenigen in Christus Jesus.

Ein instrumentales oder kausales Verständnis ist hier von vornherein ausgeschlossen. Nur fehlt dem Satz das Verb. Ganz deutlich wird es dafür zum Beispiel in 1 Korinther 1,30:

Gott allein habt ihr es zu verdanken,
dass ihr in Christus Jesus seid.

und nun erhellt sich der Sinn: “in Christus” ist zunächst ganz wörtlich lokal zu verstehen. Nur, wie soll das gehen? Denken wir an die Vorstellung des Paulus vom “Leib Christi”: Die Glaubenden bilden einen Leib. Sie sind “im Leib Christi”, also “in Christus”. Etwas verständlicher formuliert: sie “gehören zu Christus”.

Uns ist diese lokale Vorstellung sicher fremd. Aber von der Übersetzung:; “zu Christus gehören”,  kommen wir auch zum richtigen Verständnis: Nur wenige hundert Jahre zurück bestimmte sich die Zugehörigkeit eines Menschen zu einem Staatswesen nicht über den Ort, an dem er lebte. Sondern die Zugehörigkeit zu einem Herrn. Dörfer z.B. “gehörten” zu einem Grafen oder einem Kloster. Und wechselten die Dörfer den Besitzer, dann wechselten die Bewohner eben sozusagen die Staatsangehörigkeit, zumindest aber die Zugehörigkeit.

Vielleicht ist das eine Brücke zum Verständnis der kleinen Floskel “in Christus”: “weil wir zu Christus gehören.” Indem wir in der Taufe in den Leib Christi eingegliedert wurden, sind wir in den Herrschaftsbereich von Christus eingegliedert worden. Deshalb hat nach Paulus die Sünde keine Macht mehr über uns.

Ein gedanklicher Schritt, der ein ganz neues Spektrum im Verständnis der Briefe des Paulus eröffnet!

3 Reaktionen zu ““In Christus””

  1. Jan Peter Hanstein

    Bildlich kommt dazu (villeicht ebenso mißverständlich) dazu, dass in der Bibel die Vorstellung existiert, dass sich Menschen den geist oder auch Christus “anziehen”.
    Röm 13,14: So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts. Lasst uns ehrbar leben wie am Tage, nicht in Fressen und Saufen, nicht in Unzucht und Ausschweifung, nicht in Hader und Eifersucht; sondern zieht an den Herrn Jesus Christus.
    Das unbestreitbar zu Christus Gehören äußert sich auf leibliche Weise in der Nachfolge.
    Ist doch eine eigenartige Vertauschung der üblichen Vorstellung des “Christus in mir” und deshalb unaufgebbar. Vielleicht müssen manchmal die Sprachschwierigkeiten des Paulus bei der Übersetzung gelassen werden, wir also ähnlich stammeln, damit der Raum für das Neue offen gehalten wird.
    JPH

  2. Rolf

    supi!

  3. Findus

    Hm verstehe die Problematik nicht. Jesus Christus hat uns durch das was er uns gesagt und gezeigt hat wesentliche Charaktereigenschaften des Vaters deutlich gemacht. Wir dürfen ihm nachfolgen in wahrhafter Liebe. Denke dieses Nachfolgen geschieht (auch) durch die Annahme dieser Charaktereigenschaften durch die wir Gottes Kinder nicht nur heißen (s.o.) sondern SIND. Man könnte also diesen Satzteil interpretieren als etwas wie “in Jesu Verhalten” oder so. Aus meiner Erfahrung als Christ passt das ganz gut.

Einen Kommentar schreiben