Nicht über das hinaus, was geschrieben steht!
Ich werde immer wieder gefragt, wie es denn mit der BasisBibel vorangeht. Nun ja, es geht voran! Wir sind so sehr beschäftigt, dass ich schon lange nicht mehr zum Bloggen gekommen bin. Ich hoffe, im kommenden Jahr wird das wieder besser. Inzwischen bin ich mit der Redaktiond des 1. Korintherbriefs beschäftigt. Und im 4. Kapitel bin ich auf folgenden Vers gestoßen, den ich einmal versuche möglichst wörtlich wiederzugeben: “Dies aber, liebe Brüder, habe ich im Blick auf mich selbst und Apollos gesagt, um euretwillen, damit ihr an uns lernt, was es heißt: Nicht über das hinaus, was geschrieben steht!, damit sich keiner für den einen gegen den andern aufblase.” (1. Korinther 4,6)
Die Stelle gilt als eine der schwierigsten im ganzen 1. Korintherbrief, denn dem Satz “Nicht über das hinaus, was geschrieben steht!” fehlen ein paar ganz entscheidende Informationen. Zunächst fehlt das Verb. Paulus schreibt wie so oft in Kurzform, man nennt das eine Ellipse. Das scheint für die Korinther kein Problem gewesen zu sein, denn der Satz ist deutlich als Zitat ausgewiesen. Und als Schlagwort ist das auch für uns durchaus noch verständlich: “Nicht über das hinaus, was geschrieben steht!” Wollte (oder müsste) man ein Verb ergänzen, dann kommt man ganz natürlich zu einer Lösung, z.B. im Imperativ: “Geht nicht über das hinaus…” bzw. “Ihr sollt nicht über das hinausgehen”. Wobei hierzu gleich anzumerken ist, dass zum Verb auch ein Subjekt gefunden werden muss. Denkbar wäre auch: “wir sollen nicht über das hinausgehen…” Als Arbeitshypothese können wir wohl zumindest festhalten, dass der Satz auffordernden Charakter hat.
Größere Schwierigkeiten als die Frage nach dem Verb oder Subjekt wirft dann aber die Frage nach der Sache, also nach dem, “was geschrieben steht”, auf. Denn das sperrt sich gegen eine vorschnelle Identifizierung. Sollte Paulus die Heilige Schrift, also unser Altes Testament – egal ob in der Form der hebräischen Bibel oder der griechischen Übersetzung, also der Septuaginta – meinen, dann hätte er wohl eher wie sonst auch von der Schrift oder den Schriften gesprochen. Bezieht er sich auf seine eigenen, unmittelbar vorausgehenden Aussagen, dann müsste er ”was ich schreibe” bzw. ”was ich geschrieben habe” schreiben. Selten sind sich die Kommentatoren so uneins. An ehrlichsten sind dabei noch die, die den Satz für „völlig unverständlich“ halten und damit kapitulieren. Ansonsten reichen die Lösungsvorschläge vom Versuch, doch irgendwie den Bezug auf das gesamte AT zu retten über den Hinweis, dass sich ”was geschrieben steht” auf die alttestamentlichen Zitate im Brief bezieht oder – so eine weiter Hypothese – auf die ersten 4 Kapitel des Briefs selber bis hin zum Verweis auf einen früheren, nicht erhalten gebliebenen Brief. Als letztes nenne ich nur noch die nicht unbegründete Hypothese, Paulus beziehe sich auf schriftliche Vereinbarungen oder Verträge, mit denen schon früher strittige Fragen geklärt und beigelegt wurden. Quasi eine Art frühes Kirchenrecht oder erste Dogmen. – Nun ja, das Problem kann ich noch gar nicht sofort lösen. An dieser Stelle ist man nun tatsächlich auf die Auslegung, auf die sorgfältige Exegese des Textes angewiesen, wenn man den Text verstehen oder in der Übersetzung verständlich machen möchte.
Die Stelle hat mich aber noch in einer ganz anderen Hinsicht beschäftigt. Sie hat mich – und ich bin mir der Gefährlichkeit solcher direkten Übertragung auf eine ganz andere Situation bewusst – an die Anforderungen an jede Übersetzung der Bibel erinnert. Paulus verweist ja auf seine eigene Verkündigungstätigkeit und die des Apollos, die die Korinther gegeneinander ausspielen. Und Übersetzung ist ja letztendlich nichts anderes als Verkündigung: “Nicht über das hinaus, was geschrieben steht!” Das klingt zunächst nach einem sehr einfachen Kriterium. Die gerade skizzierten Probleme bei der Übersetzung bzw. der Auslegung dieses einen Verses lassen aber schon ahnen, dass es bei der tatsächlichen Ausgestaltung der Übersetzung ebenfalls nicht so einfach ist. Würden wir den Grundsatz streng dahingehend auslegen, dass eine Übersetzung nur Wort für Wort von der einen in die andere Sprache übertragen darf, dann wäre das Ergebnis so etwas wie eine Interlinearübersetzung: Jedes griechische Wort wird durch ein deutsches Wort ersetzt. Verständlich ist das nicht.
An diesem Punkt bin ich auf eine Stelle bei Martin Luther gestoßen. Er legt in seinem “Sendbrief vom Dolmetschen” sehr genau Rechenschaft darüber ab, wie er übersetzt. Und zu einem Übersetzungsbeispiel aus Daniel schreibt er über den Umgang mit der hebräischen Sprachgestalt: “Darum muss ich hier die Buchstaben fahren lassen und erforschen, wie der deutsche Mann das ausdrückt, welches der hebräische Mann mit [einem bestimmten Begriff – hier] ‚isch chamudoth‘ meint.” In Klammern bemerkt: Eines der bekannten Zitate, das gerne mit einem anderen, noch bekannteren Zitat vermischt wird.
In besagtem Sendbrief beklagt Luther sich über billige, verfälschte Kopien seines Neuen Testaments. Also das Zeugnis eines frühen Urheberrechtstreits. Zugleich wehrt er sich gegen den in diesem Zusammenhang erhobenen Vorwurf, er verfälsche die Aussage der Heiligen Schrift. Er zeigt vielmehr auf, dass seine Übersetzung sehr wohl dem Geist der Schrift treu ist, auch wenn er gelegentlich im Wortlaut von ihr abweicht:
„Ich hab mich beim Übersetzen beflissen, dass ich reines und klares Deutsch geben möchte. Und ist uns wohl oft begegnet, dass wir vierzehn Tage, drei, vier Wochen ein einziges Wort gesucht und [danach] gefragt haben, habens [aber] dennoch zuweilen nicht gefunden. […] Mein Lieber, jetzt wo es verdeutscht und fertig ist, kanns jeder lesen und meistern. Jetzt läuft einer mit den Augen durch drei, vier Blätter hindurch, und stößt nicht einmal an; wird aber nicht gewahr, welche Steine und Klötze da gelegen haben. Wo er jetzt drüber hingeht wie über ein gehobeltes Brett, da haben wir schwitzen und uns ängstigen müssen, ehe wir denn solche Steine und Klötze aus dem Wege räumten, auf dass man so fein dahergehen könnte.“ Damit hat er schon ein wichtiges Kriterium für eine gute Übersetzung benannt: Sie muss dem Leser dienen. Darin ist sie zunächst auch nur der Zielsprache – also dem Deutschen – verpflichtet: “Denn man muss nicht die Buchstaben in der lateinischen Sprache fragen, wie man deutsch reden soll, wie dies die Esel tun; sondern man muss die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gasse, den einfachen Mann auf dem Markt danach fragen, und denselben auf das Maul sehen, wie sei reden, und danach übersetzen, so verstehen sie es denn, und merken, das man deutsch mit ihnen redet.” Hierin funkelt schon ein klein wenig Autonomie der Übersetzung gegenüber Einflüssen von Außerhalb der Schrift auf: Nicht die zeitgenössische Theologie, nicht die approbierte lateinische Übersetzung ist maßgeblich für die deutsche Übersetzung, sondern zunächst die Erfordernisse der deutschen Sprache.
“Doch habe ich umgekehrt” – schreibt Luther weiter – “die Buchstaben nicht allzu frei fahren lassen, sondern mit großer Sorgfalt samt meinen Gehilfen darauf geachtet. Wo es etwa auf eine Stelle ankommt, habe ichs nach den Buchstaben behalten, und bin nicht so frei davongegangen”. Jetzt wird deutlich, was das eigentliche Kriterium für seine Übersetzung ist: Die Treue gegenüber dem Ausgangstext. Im Grunde ganz nach dem Grundsatz von 1. Korinther 4,6: “Nicht über das hinaus, was geschrieben steht!” Und wo die Übersetzung doch über den Ausgangstest hinausgeht, muss es einen triftigen Grund geben. So schreibt Luther nach einer langen Diskussion um das hinzugefügte “allein” in Römer 3,28: “Weil nun die Sache im Kern selbst fordert, dass man sage: ‘allein der Glaube macht gerecht’, und es unserer deutschen Sprache Art (ist), die auch lehrt, solches so auszudrücken, ich dazu der heiligen Väter Exempel habe, und auch die Gefahr der Menschen dazu zwingt, dass sie nicht an den Werken hängenbleiben und den Glauben verfehlen und Christus verlieren […], so ists nicht allein recht, sondern auch hoch vonnöten, dass man aufs allerdeutlichste und vollständigste heraussage: allein der Glaube ohne Werke macht fromm.” (M. Luther, Sendbrief 643)
Was lerne ich daraus? Eine Übersetzung ist zunächst ihren Leserinnen und Lesern verpflichtet. Dann, und nicht weniger, dem Ausgangstext. Und drittens dem rechten Sinn des Textes, denn die wörtlichste oder schönste Übersetzung taugt nicht, wenn sie zu einem falschen Verständnis führt. Das ist bisweilen eine rechte Gradwanderung. Wo ich in eine Richtung deutlich ausweichen muss, also entweder wörtlicher bleiben, als für die Verständlichkeit verantwortbar, oder freier werden muss, muss ich sehr genau begründen können warum. Die Richtschnur bleibt das, “was geschrieben steht”. Die Übersetzung muss sich am Wortlaut messen lassen. Geht sie darüber hinaus, was im Text steht, heißt es aufpassen. Ich möchte mit einem letzten Zitat von Luther schließen, das vielleicht die wichtigste Voraussetzung für eine gute Übersetzung nennt:
“Ah, es ist Dolmetschen ja nicht eines jeglichen Kunst, wie die tollen Heiligen meinen. Es gehöret ein recht, fromm, treu, fleißig, furchtsam, christlich, gelehret, erfahren, geübet Herz dazu. Darum meine ich, dass kein falscher Christ noch Rottegeist treulich übersetzen könne.” (Zitiert nach K. Aland (Hg.), Luther Deutsch. Bd. 5: Die Schriftauslegung, Göttingen, 4. Aufl. 1990)
