Ethik und Verantwortung des Übersetzens
Letzten Monat fand am 3. und 4. Juni im Missionshaus Bibelschule Wiedenest das 4. Forum Bibelübersetzung statt. Das ist eine Veranstaltung, bei der sich Bibelübersetzerinnen und -übersetzer aus ganz Deutschland, TheologInnen, PhilologInnen, kurz: WissenschaftlerInnen aus verschiedenen Disziplinen treffen, um sich über ihre Arbeit auszutauschen. Die Themen sind dabei recht weit gespannt. Eines der wichtigsten Themen war diesmal die Frage nach Ethik und Verantwortung des Übersetzens.
Was aber bedeutet Ethik im Zusammenhang mit Übersetzen? Vielleicht ganz einfach: zu wissen, dass man in vielfältiger Verantwortung steht, und danach zu handeln. Was heißt das? Beim Übersetzen stehe ich in mehrfacher Hinsicht in Verantwortung: Zum Beispiel gegenüber meinen Lesern, für die ich übersetze. Denn ich soll ja so übersetzen, dass sie einen Text (richtig) verstehen, den sie ohne meine Arbeit nicht verstehen könnten. Das bedeutet auch, dass ich da nicht wissentlich und willentlich falsch übersetzen und meine Leser dadurch in die Irre führen darf. Umso weniger, wenn es um das Wort Gottes geht. Da steht mir eindrücklich die Warnung von Jesus vor Augen: Lukas 17,1-2.
Dann habe ich als Übersetzer auch Verantwortung gegenüber dem Autor des Textes. Gut, die Evangelisten leben nicht mehr. Aber ihr Text ist uns ja überliefert. Und bei der Übersetzung muss ich auch darauf achten, den Text zu seinem Recht kommen zu lassen und ihn nicht meinen Ideen, was denn gemeint sein könnte, unterzuordnen. D.h. im Idealfall sollte ich vorurteilsfrei an meinen Text herangehen.
Jetzt kann man einwenden, dass das überhaupt nicht möglich ist. Ich habe immer schon ein Vorverständnis und eigene Vorurteile. ich komme ja nicht im luftleeren Raum zur Welt und bin immer in mein soziales Umfeld eingebunden. Das ist richtig. Natürlich bin ich auch nicht unbelastet, naiv und ahnungslos. Sonst wäre ich ja auch garnicht in der Lage, zu übersetzen (Altgriechisch in der Ausprägung der Koine gehört ja nicht gerade zur heutigen Umgangssprache). Und mein theologisches Studium kann ich auch nicht einfach über Bord werfen. Aber ich kann mir dessen bewusst sein. Ich weiß, dass ich ein Vorverständnis. Und indem ich das weiß, bin ich auf der Hut. Das macht den Unterschied. Ich weiß immer, dass ich Gefahr laufe, meinen Vorurteilen zu erliegen. Deshalb schaue ich dann auch ganz besonders genau hin und prüfe meine Entscheidung, wenn mit die Arbeit besonders leicht von der Hand zu gehen scheint.

Am 2. Oktober 2008 um 17:57 Uhr
Tolle Einstellung zur Übersetzungsarbeit!
Bin gespannt wie es da weitergeht…
Am 11. Dezember 2009 um 08:03 Uhr
supi!