Der zwölfte Apostel
Das Pfingstfest steht vor der Tür und ich habe schon die Pfingsterzählung im Ohr, da stolpere ich über einen kleinen, unscheinbaren Text, der aufs erste Lesen so gar keinen Sinn machen will. Der auch für den Fortgang der Geschichte keine Bedeutung zu haben scheint. Denn von diesem Ereignis und von den Personen, die dabei eine Rolle spielen, wird in der Apostelgeschichte nicht mehr die Rede sein. Und dabei hat dieser Text für Lukas eine immense Bedeutung. Ihm kommt gleichsam eine Schlüsselstellung zu. Die Rede ist – natürlich – von der Berufung des Matthias zum Apostel in Apostelgeschichte 1,15-26.
Was macht nun die Erzählung so bedeutend? Zunächst: sie steht an der Nahtstelle zwischen dem Abschied Jesu an Himmelfahrt und dem Beginn der Apostelmission an Pfingsten. Sie ist das Bindeglied zwischen der Jesuszeit und der gegenwärtigen Missionskirche. Kurz vor Pfingsten versammeln sich in Jerusalem die verblieben elf Apostel – Judas hat den Kreis ja verlassen und sein grausiges Schicksal wird von Petrus berichtet – und dazu noch weitere Jünger, so dass insgesamt 120 Personen anwesend sind. Sie Beten. Dann werfen sie das Los, um einen neuen zwölften Apostel zu wählen. Und die Wahl fällt auf Matthias.
Entscheidend ist hier wohl eine Vorstellung aus dem Jesajabuch, genauer aus dem so genannten Deuterojesaja (Jes 40-55). Es ist die Vorstellung, das Israel vor der ganzen Welt als Zeuge für Gott steht. Für Lukas bildet die junge christliche Gemeinde das neue Israel. Die Zwölfzahl der Apostel repräsentieren dabei die zwölf Stämme des neuen Israels. Das erfordert die Nachwahl von Matthias. Und auch die 120 insgesamt versammelten Jünger sind nicht ganz willkürlich gewählt. Sie bilden die Vollzahl der für die Wiedergeburt Israels nötigen Personen: Nämlich 12 Stämme mit jeweils mindestens 10 Personen, die eine gültige Gemeinde bilden. Petrus zitiert zweimal explizit aus dem Buch der Psalmen. Das erste Psalmzitat aus Ps 69,26 hatte sich mit dem Weggang des Judas erfüllt. Das zweite aus Ps 109,8 muss dagegen noch erfüllt werden: Die Reihe der Zwölf muss wieder geschlossen werden. Die Wahl des Nachfolgers von Judas erfolgt dabei nach Lukas genauso wie die Wahl der Jünger zu Beginn: durch den Heiligen Geist. Der Nachfolger muss dabei bestimmte Voraussetzungen erfüllen: Er muss Zeuge der Auferstehung sein, d.h. er muss bei allen Zusammenkünften der Elf nach Ostern dabei gewesen sein. Und er muss von Anfang an gemeinsam mit den Jüngern Jesus nachgefolgt sein. Kurz: Er muss den ganzen Weg Jesu von der Taufe durch Johannes bis zur Himmelfahrt miterlebt haben. Das qualifiziert ihn zum Apostel, zum Zeugen von besonderem Rang. Denn die Apostel sind die eigentlichen Christuszeugen. Das sind sie nicht aus sich selbst. Der Heilige Geist ermöglicht die Zeugenschaft der Apostel und leitet so den Siegeslauf des Evangeliums ein. Mit der Wahl des Matthias ist der Zwölferkreis und damit das neue Israel rekonstituiert. Das muss vor Pfingsten geschehen, denn die Ankunft des Geistes über alles Fleisch verlangt, dass das neue Israel, das von den Zwölf repräsentiert wird, an Pfingsten vollzählig zugegen ist.
Die Apostel haben grundlegende Bedeutung für die Kirche: Indem die junge christliche Gemeinde an der Lehre der Apostel festhält, garantieren die Zwölf gleichzeitig für die Zuverlässigkeit der Jesusüberlieferung. Denn ihre Verkündigung lebt in der Kirche weiter. Die Zwölfzahl ist deshalb auch nur für den Anfang der Zeugentätigkeit der Apostel nötig und der Kreis der Apostel muss auch nach dem Tod des Jakobus (Apg 12,2) nicht mehr ergänzt werden.
Damit wäre die Verkündigung des Evangeliums gut in der Kirche aufgehoben. Nur werden die Apostel als Zeugen für Jerusalem, Judäa und Samarien berufen. Von einer Zeugenschaft der Apostel am Ende der Erde ist nicht die Rede, nicht einmal für Syrien, Kleinasien oder Griechenland. Zwar bekommen die Apostel die Verheißung, dass sich die Botschaft von Jesus über die ganze Welt ausbreiten wird. Es bleibt aber offen, dass das durch andere geschieht. Paulus wird das Evangelium zu den Heiden bringen. Und sein Weg endet mit der Apostelgeschichte in Rom. Aber nicht einmal dabei ist sicher, ob das Evangelium mit Paulus in Rom das Ende der Erde erreicht hat, oder ob die Verkündigung nicht vielmehr weitergeht. Weitergehen muss. Bis heute.

Am 26. Juni 2010 um 10:01 Uhr
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